Bibliophage Lektüren
Maximilian Gillesen

1. Von der Anthro- zur Bibliophagie

Aneignung verläuft nie einseitig. Wer sie als Vorrecht oder Schuld einer bestimmten Kultur begreift, bewegt sich immer noch in kolonialem Denken. Die Kolonisierten können die Kultur ihrer Kolonisatoren verschlingen; um sich dem ertötenden, verdinglichenden Blick zu entziehen, werden sie zu Kannibalen. Was eine solche Aneignung in Frage stellt, sind die Grenzen zwischen dem Eigenen und dem Anderen und damit die Hierarchie, die durch diesen Unterschied zuallererst begründet wird. Oswald de Andrade hat für diese Logik nicht nur den so provozierend offenen, instabilen Begriff der Anthropophagie geprägt; er hat sie selbst in seinen Texten mit größter Kunst vorgeführt. Ein Brasilianer verdaut die Bücher der Europäer. Die Reiseberichte Jean de Lérys und Hans Stadens zirkulieren ebenso im Metabolismus des Manifesto antropófago wie Montaignes Essais oder Johann Jakob Bachofens Das Mutterrecht.1 Eine solche Lektüre kennt keine Unterwürfigkeit gegenüber dem Kanon oder der Autorität eines Autors. Sie ist nicht gelehrig, sondern gefräßig. Ihr Ziel ist nicht die Auslegung eines idealen Sinns, den sie zum Maßstab ihrer Deutung erheben würde, sondern sein Schillern und Wuchern, sein Zerfall. Wo die Grenzen zwischen dem Eignen und dem Anderen verwischen, sind alle Zitate, wie Michalis Pichler bemerkt, „verstümmelt und approximativ, wie die Überreste einer sintflutartigen Verdauung“.2 Inwiefern also wäre die Anthropophagie, so wie sie de Andrade und nach ihm Haroldo de Campos verstanden haben, zunächst – auch, immer schon – eine Bibliophagie? Und andersherum: Welche Beziehung zur Lektüre und zum Sinn, welche Praktiken der Aneignung und „Veranderung“3 scheinen im Annagen, Kosten, Verschlucken, Verschlingen, Zerkauen, Zerkleinern, Zerteilen von Schriftstücken und Büchern auf?

Was im physischen Verzehr des Geschriebenen kollabiert, ist gerade der vermeintliche Unterschied zwischen Körper und Geist, zwischen buchstäblichem und übertragenem Sinn. Bibliophage Praktiken, Metaphern und Phantasmen erinnern auf ihre Weise an die semiotische Doppelnatur des sprachlichen Zeichens, welches einzig als Synthese von konzeptuellem Gehalt und materiellem Träger existiert. Von einer vergeistigenden Aufnahme, von einer Idealität des Sinns kann mithin nur da die Rede sein, wo die Notwendigkeit seines materiellen Erscheinens und der Anteil dieser Materialität an der Konstitution des Sinns vergessen werden. Auch deshalb haben alle jene, die die Dunkelheit des literarischen Textes gegen eine idealisierende Hermeneutik verteidigen oder die Materialität des Buches vor der Kurzsichtigkeit ihrer Leser bewahren wollten, in der Bibliophagie ein reizvolles Motiv gefunden. 

Auf den folgenden Seiten sollen einige dieser bibliophagen Szenen entfaltet werden. Sie entstammen verschiedenen Zeiten, unterschiedlichen Werken und Medien. Am Beginn steht die traditionelle hermeneutische Deutung des Motivs als Modell der spirituellen und pädagogischen Einverleibung; dabei scheint es nur konsequent, dass die Erziehungstechnik in eine Strafe verkehrt werden kann (2. Abschnitt). Eine ganz andere Form von Verkehrung bietet das karnevaleske Buchstäblichnehmen der Redensart „ein Buch verschlingen“ (3. Abschnitt). Dass die physiologisierende Umdeutung des Lesens und Schreibens zu Akten des Einverleibens und Ausscheidens gerade in der Renaissance ihren Höhepunkt erreicht, mag nicht zuletzt mit den medialen und historischen Umbrüchen der Zeit zusammenhängen: Das durch den Buchdruck endlos reproduzierbare Wort wird bei Montaigne und Rabelais an den Körper zurückgebunden. Vor der großen Erstarrung der Nationalsprachen entfesseln Teofilo Folengo und Johann Fischart babylonische Sprachverwirrungen im Zeichen der Bibliophagie (4. Abschnitt). Eine ähnliche Abneigung gegen Eindeutigkeit und Vereinheitlichung prägte auch die historischen Avantgarden. Maurice Blanchot hat diese antihermeneutische Grundhaltung moderner Kunst und Literatur in seinem Roman Thomas l’obscur zu einer eindrücklichen Szene gestaltet: Das Werk verschlingt seinen Leser (5. Abschnitt). Dass die bibliophage Aneignung auch Distanznahme, gar Selbstverteidigung, jedenfalls alles andere als nur eine Hommage ist, zeigen die Beispiele von Jamie Loftus, Dieter Roth und Michalis Pichler (6. Abschnitt). Der Streifzug endet bei einem brasilianischen Zeitgenossen de Andrades, Monteiro Lobato, dem Erfinder des essbaren Buches.


 

2. Die Schrift zu essen geben: Strafen, Disziplinieren, Memorieren

1866 veröffentlichte der belgische Diplomat und Bibliograph Octave Delepierre unter dem Pseudonym Onésyme Durocher in den Miscellanies of the Philobiblion Society seinen Artikel „De la bibliophagie“.4 Der Text beginnt mit den traditionellen Gefahren, denen Bücher durch Feuer, Wasser, Krieg, Ratten- und Wurmfraß ausgesetzt sind. Delepierre lässt es dabei jedoch nicht bewenden und entdeckt in den Tiefen der historischen Archive weitaus erstaunlichere Geschichten: „Gleich Saturn“ hätte so mancher Autor seine eigenen Kinder verschlingen müssen. Die Beispiele für derartige Zensur- und Disziplinarmaßnahmen sind zahlreich: Im Jahr 1356 – so ein gewisser Baptista Fulgosisus – sei der später als Papst Urban V. bekannte Abbé von Marseille von Papst Innozenz VI. nach Mailand gesandt worden, um dem dortigen Fürsten ein apostolisches Schreiben zu bringen, das diesen so erboste, dass er den Boten dazu zwang, es zu verspeisen. Ähnlich sei es 1668 Philippus Andrea Oldenburger ergangen, den ein verärgerter Fürst zum Verzehr zweier anrüchiger Seiten seines Buches Itinerarium Germaniae verurteilen ließ.

Diese als Strafmaßnahme erdachte Verschränkung von Physischem und Symbolischem, diese Reinkarnation einer potentiell anonymen Schrift im schuldigen Körper ihres Urhebers, hallt noch in Heinrich von Kleists Novelle „Der Findling“ nach: Die Dienerschaft findet ihren Herrn, Antonio Piachi, in mörderischem Zorn, „da er den Nicolo zwischen den Knien hielt, und ihm das Dekret in den Mund stopfte“5 – jenes Dekret also, das es dem unheimlichen Ziehsohn erlaubte, Piachi zu entmachten und aus seinem eigenen Haus zu vertreiben. Die physische Gewalt – das Gehirn des toten Körpers ist „an der Wand“6 eingedrückt – paart sich hier mit der symbolischen Inversion der Vaterrolle als Ernährer.7

Das strafende Zu-Verspeisen-Geben des Geschriebenen ist indessen vielleicht nur die Perversion einer grundlegenden „fusionale[n], osmotische[n] Rhetorik“8 der Einverleibung des Buchstabens. Eine bedeutende Quelle dessen, was Ernst Robert Curtius als abendländische „Speisemetaphern“ bezeichnet hat,9 ist, wie sollte es anders sein, eben jenes Buch der Bücher, als das die Bibel gilt. Zum Propheten Hesekiel spricht der Engel: „Du Menschenkind / Jss / was fur dir ist / nemlich diesen Brieff / den ich dir gebe / vnd gehe hin / vnd predige dem hause Jsrael. / Da thet ich meinen mund auff vnd er gab mir den Brieff zu essen. / Vnd sprach zu mir / Du Menschenkind / Du must diesen Brieff / den ich dir gebe / in deinem Leib essen / vnd deinen Bauch da mit füllen. / Da ass ich jn / vnd er war jn meinem munde so süsse wie als Honig.“ (Hesekiel 3, 1–3) Diese Szene wird noch in der Johannes-Offenbarung wiederkehren: „Vnd ich gieng hin zum Engel / vnd sprach zu jm / Gib mir das Büchlin. Vnd er sprach zu mir / Nim hin und verschlings / vnd es wird dich im Bauch krimmen / Aber in deinem Munde wirds süsse sein wie honig.“ (Offenbarung 10, 9)

Die vergeistigende Verinnerlichung des Buchstabens verläuft als „fromme Assimilation“,10 als Identifikation des Gläubigen mit der Schrift, als Oralisierung des stummen Buchstabens. Das geschriebene Wort des Engels soll zur lebendigen Rede des Propheten werden. Dazu aber muss das – im Magen bittere – Wort zunächst schmackhaft sein. Bis heute bekommen Talmudschüler vor ihrer ersten Stunde eine mit Honig bestrichene Schriftrolle, von der sie kosten sollen.11 Buchstabengebäck ist bei zahlreichen Völkern bekannt,12 ebenso sind es Esszettel und Schluckbildchen.13 Die ruminatio – das Kauen und Wiederkäuen – ist nicht umsonst ein Schlüsselbegriff der antiken Rhetorik und Gedächtniskunst. Quintilian14 und Augustinus15 empfehlen die Aufteilung des Lernstoffes in kleine, verdaubare Portionen. Noch Nietzsche wünscht seinem Leser „ein gut Gebiss und einen guten Magen“,16 wie er überhaupt das Wiederkäuen und Kuh-Werden in den Mittelpunkt seiner parodistischen Hermeneutik rückt: „und wirklich gleicht der ‚Geist‘ am meisten noch einem Magen“.17

Keineswegs handelt es sich bei dieser Beziehung zum Geschriebenen um ein Phänomen der europäischen Kultur. So groß ist die Faszination der Schrift, so groß die Macht derjenigen, die sie verwenden, dass viele sogenannte schriftlose Völker sie zum Gegenstand ihrer Mythen gemacht haben. Diese Legenden, Lieder, Erzählungen und Anekdoten kreisen in vielfältiger Form um das, was Michael Oppitz die „Geschichte der verlorenen Schrift“ genannt hat: um die Vorstellung, dass „die Schrift einmal ein kollektives Gut gewesen, durch widrige Umstände jedoch wieder abhanden gekommen sei“.18Varianten dieser Geschichte lassen sich auf dem gesamten indischen Subkontinent, in den südlichen Himalaya-Regionen Nepals und den Bergregionen Bangladeschs, Burmas, Burmas, Laos’ und Vietnams entdecken. Sie sind überall dort entstanden, wo kleine Lokalgesellschaften den Staatsapparaten mächtiger Schriftkulturen wie Indien und China gegenüberstanden. Mal wird die Ur-Schrift von Schafen oder Rindern gefressen oder von den Elementen vernichtet, mal von hungrigen Kindern verspeist: „Die Schriftzeichen blieben in ihren Mägen haften, und so kommt es, daß die Dulong [ein Volk auf der chinesischen Seite des oberen Saluen] heute zwar keine Bücher mehr haben, ihren Inhalt aber erinnern können, wenn sie singen oder aus dem Gedächtnis laut rezitieren.“19 Oft wird in diesen Geschichten der partielle oder vollständige Verlust der Ur-Schrift mit all seinen Konsequenzen für die gesellschaftliche Organisation durch gewisse Vorteile kompensiert – durch eine größere Nähe zu der Natur und den übernatürlichen Mächten, durch Redegewandtheit und ein besseres Gedächtnis: Motive, die seit Platon auch das abendländische Nachdenken über das Verhältnis von mündlicher und schriftlicher Kultur prägen. 


 

3. Karnevaleske Inkarnationen

Mit der zunehmenden Vervielfältigung der Texte, Kommentare und Bücher ist die Magenverstimmung, sind Ekel, Erbrechen und Überdruss nicht weit. Schon lange vor dem Buchdruck sah sich Petrarca zu dietätischen Leseempfehlungen veranlasst: „Bücher haben manche ins Wissen, manche in den Wahnsinn getrieben. Schluckt man mehr, als man verdauen kann, dann geht es dem Geist wie dem Magen. Überfülle schadet mehr als Hunger, und wie der Genuß von Speisen, so ist der von Büchern je nach Beschaffenheit des Genießenden einzuschränken.“20 Romane, meinte dagegen Walter Benjamin, der für den Genuss an der Unmäßigkeit plädiert, seien dazu da, „verschlungen zu werden. Sie lesen ist eine Wollust der Einverleibung.“21

Wie jede Metapher bietet sich freilich auch die der geistigen Einverleibung der Parodie und der Verkehrung durch ein karnevaleskes Buchstäblichnehmen an. Ein Beispiel dafür bietet eine Episode in Karl Valentins Kurzfilm Beim Nervenarzt (1936): Immer wieder bestellt ein Mann bei einem zunehmend verzweifelten Bäcker ein B; als er endlich einen Buchstaben präsentiert bekommt, der seinen Ansprüchen genügt, isst er ihn noch auf der Stelle vor den Augen des entgeisterten Bäckers auf. Nur einen grotesken Einschub bietet die Bemerkung des Fürsten Saurau in Thomas Bernhards Verstörung, sein wahnsinnig gewordener Vater habe aus „seinen früheren Lieblingsbüchern, aus der ‚Welt als Wille und Vorstellung‘ zum Beispiel […] die entscheidenden Seiten herausgerissen. Er hat sie aufgegessen.“22 In seinem 1980 erschienenen Bestseller Il nome della rosa verkehrt Umberto Eco – nicht umsonst Mediävist und Semiotiker – dagegen die spirituelle Speisung in ein tödliches Mahl.23 Der Bibliothekar Jorge de Burgos verschlingt die wohl letzte erhaltene Abschrift des zweiten Buches der Poetik des Aristoteles – jene Abhandlung also, die von der Komödie handelt und damit vom Lachen, das dem Benediktinermönch verwerflich erscheint – und stirbt an dem Gift, mit dem er die Seiten des Manuskriptes bestrichen hat.

Ein Jahr nach Eco veröffentlichte François Forestier sein Romandebüt La Manducation, dessen Titel man als „Das Kauen“ übersetzen könnte.24 Der namenlos bleibende, nur als unpersönliches „il“ auftretende Protagonist des Romans begreift das Schreiben von Texten im Sinne der damaligen (einst postmodern genannten) Literaturtheorien als Hervorbringung des Neuen durch Wiederkäuen: „Livres, livres, livres. À force de lire, il s’était cru autorisé à écrire. Quoi de plus simple? Après tout, il suffit de disposer selon un ordre différent des mots mille fois lus, usés par le regard. Son expérience sorbonnarde lui avait appris qu’écrire n’est guère qu’une opération simple, une restitution.“25 – „Bücher, Bücher, Bücher. Weil er so viel gelesen hatte, meinte er, er könne auch schreiben. Was könnte leichter sein? Letztlich genügt es, die tausendmal gelesenen, vom Blick abgenutzten Wörter in eine andere Reihenfolge zu bringen. Als Student an der Sorbonne hatte er gelernt, dass das Schreiben lediglich eine simple Operation, eine Restitution ist.“ Fasziniert ist der Namenlose von Giuseppe Arcimboldos manieristischem Gemälde Der Bibliothekar (1566), dem er eine lange Bildbeschreibung – eine Ekphrasis – widmet, die nach und nach in eine Deutung kippt: Dieser aus Büchern komponierte Leib besteht nicht nur aus ihnen, er wird von ihnen genährt. Die zu Beginn des Buches beschworene Intertextualität wird zum qualvollen Metabolismus: Der Protagonist – sein Romanprojekt ist zum Erliegen gekommen, seine Freundin, eine Bibliothekarin, verschwunden – löst die Ordnung seiner Bibliothek auf, setzt sich auf einen Haufen Bücher und beginnt, sie zu verspeisen.


 

4. Bibliophage Renaissance

Jenseits dieser karnevalesken Variationen der Bibliophagie im Zeichen der Apokalypse lassen sich die – zumal im Hinblick auf de Andrade – wohl produktivsten Aneignungen des Topos in der Literatur des sechzehnten Jahrhunderts finden: Zeit des Umbruchs, in der die mit dem Buchdruck verbundene Erfahrung der Überfülle und Autonomie der Schrift mit den europäischen Eroberungen der Neuen Welt einherging. Nicht umsonst ist Montaigne als Autor des Essais „Des cannibales“,26 der mit der berühmten Einsicht endet, die Kannibalen seien weit weniger grausam als die europäischen Kolonisatoren, im gesamten Manifesto antropófago gegenwärtig. Er ist ein Bibliophage par excellence und beschreibt seine Lektüren und Überschreibungen in drastischen physiologischen Bildern. So heißt es im Essai „De la vanité“ – nicht ohne Ironie und im Bewusstsein einer jahrtausendealten Metaphorik, die Montaigne lediglich zu Ende denkt – seine Schriften seien „des excrements d’un vieil esprit: dur tantost, tantost lasche: et toujours indigeste“.27 Oder wie Johann Daniel Tietz sehr vornehm übersetzt: „der Unrath eines alten Geistes; der bald hart, bald weich, allzeit aber unverdaut ist“.28

Eine derartige „kühne Somatisierung der Schrift“29 ist bereits bei François Rabelais voll ausgeprägt, dessen Pantagruel, das erste Werk einer Pentalogie von Abenteuern, die einer Dynastie von Riesen widerfährt, 1532, ein Jahr vor Montaignes Geburt, erschien. Im Prolog zum drei Jahre später veröffentlichten Gargantua stellt Rabelais eine von zahlreichen antiken Referenzen gespeiste Reflexion über das Lesen, Deuten und Verstehen an, die in den berühmten Vergleich mündet, ein Buch müsse so gelesen werden, wie ein Hund an einem Knochen schnuppert und nagt, bevor er das nahrhafte Mark aus ihm saugt: „Puis par curieuse leczon, et meditation frequente rompre l’os, et sugcer la sustantificque mouelle.“30„Gargante“ bezeichnet ursprünglich Gurgel und Schlund, und so sind denn auch Rabelais’ Riesen wandelnde Mägen, klaffende Mäuler, so groß, dass der Erzähler im 32. Kapitel des Pantagruel durch des Riesen Mundhöhle einen weitläufigen Spaziergang unternehmen kann und in ihr gar eine „Neue Welt“ entdeckt, die sich als Doppel seiner eigenen erweist: Die mit der Entdeckung neuer Kontinente einhergehenden „Verschiebungen des Horizontes und Veränderungen des Weltbildes“31 werden hier zur Allegorie, aber zu einer, die Montaignes bewussten Anti-Exotismus vorwegzunehmen scheint. 

Im posthum erschienenen, Rabelais zugeschriebenen Cinquième livre unternimmt Pantagruel mit seinem Begleiter Panurge die – nach dem Muster diverser Reiseberichte der Zeit modellierte – Reise zur Priesterin („pontife“) Bacbuc, die den Dienst an einem heiligen Orakel versieht. Das Wissen verflüssigt sich, Bacbuc reicht Pantagruel ein Buch in Form einer Flasche – das „livre d’argent“ –, das ihm, einmal getrunken, nach dem Beispiel Hesekiels die Weisheit bringen soll: „Jadis un antique Prophète de la nation Judaïque mangea un livre, et fut clerc jusques aux dents.“32 Panurge beginnt daraufhin in Zungen zu sprechen und verfällt einem polyglotten Rausch aus Französisch und Altgriechisch („C’est moy le bon mary, / Le bon des bons. Io pean. / Io pean. Io pean. / Io mariage trois frois“33), der sich ähnlichen Sprachgebilden im Opus Maccaronicum (1530) des Teofilo Folengo nähert. 

Ein sämiges, aus Mehl, Käse und Butter bestehendes Gericht der Bauern, die Maccaroni (die wir heute eher als Gnocchi bezeichnen würden), hatten Folengo den Namen für seine ars poetica des Rohen und Ungeschliffenen geliefert. Indem er ein syntaktisch vollendetes Latein mit italienischen, gleichwohl lateinisch flektierten Wörtern verband, parodierte er den Purismus der Humanisten, hauchte einer toten Sprache neues Leben ein und versetzte ein als abgezirkelt geltendes Vokabular in stete Unruhe und Expansion. „Nos binas Sprachas in Wortum einbringimus unum“ – „Wir führen zwei Sprachen in einem Wort zusammen“, heißt es treffend in einem deutschsprachigen Makkaron-Beispiel.34 Angesichts seiner kulinarisch-kannibalischen Poetik verwundert es nicht, dass sich Folengo gerade bei der Schöpfung neuer Wörter für das Essen hervorgetan hat: „mangiamentum“, „transgluttare“ ... Die Sprachen verschlingen einander und verzweigen sich im Akt ihrer Hybridisierung in immer neue Variationen: „maccaronea“, „macaronesca“, „macaronica“ ...35

Die erste Übersetzung des Gargantua, diejenige des Straßburger Juristen Johann Fischart, erschien 1575 in deutscher Sprache und ist vor allem unter dem Titel der zweiten, beträchtlich erweiterten Auflage von 1582 bekannt: Affentheurlich Naupengeheurliche Geschichtklitterung. Fischart lässt seine Übersetzung auf den dreifachen Umfang des Originals anschwellen, durchsetzt seinen Text mit Wortspielen und Alliterationen, Kommentaren und Abschweifungen – nicht zuletzt zu den Grausamkeiten der Bartholomäusnacht (die Pariser, so erklärt der überzeugte Protestant, „fressen die toden Hugenotten inn Pasteten“36). Fischarts gleichsam überschreibende Übersetzung, die Haroldo de Campos „transcriação poética e semiótica“37 vorwegzunehmen scheint, kannibalisiert jedoch nicht nur das Französische des Rabelais. Er zerkaut vielmehr seine eigene Sprache, die er auf das Außen aller anderen ihm bekannten Sprachen öffnet: „O ihr Potulenten Poeten, potirt der pott und bütten, unnd positioniert euch potantlich mit potitionieren, comportiren unnd exportiren, dann potiren und apportiren kompt von petiren und appetiren, und pringt potate poesei, dieweil potantes sind potentes. Unnd Potentaten sind Potantes.“38 So etwa lautet eine Passage aus dem Prolog zum Gargantua, die sich bei Rabelais nicht findet und mittels einer ganzen Kette von Paranomasien,39 also mittels einer „Lockerung in der lautlichen Zusammensetzung“, die bei aller „Geringfügigkeit der lautlichen Änderung“ ein schillerndes „Bedeutungsspektrum“ kreiert,40 eine Apologie des Trinkens als Quelle der Inspiration entwickelt.


 


 

5. Lesen – oder: Fressen und Gefressenwerden

Fischart gilt heute als ein Vorläufer avantgardistischer Literatur vom Dadaismus bis hin zu Finnegans Wake und darüber hinaus – einer Literatur, die der Welt ihre eigene, auf der Logik der Signifikanten begründete Ordnung entgegensetzt. Dass Werke, die die Welt nicht mehr darstellen, sondern ihr eine andere gegenüberstellen, in letzter Konsequenz nicht länger den hermeneutischen Zugriff eines frei über den Sinn verfügenden Subjekts dulden, gehörte bereits zu den Einsichten der Romantik: „Ein rechtes Werk […] verschlingt seinen Verfasser, wie später den Leser“.41 Ein paar der vielleicht eindrücklichsten Bilder für diese Verkehrung hat Maurice Blanchot in seinem Roman Thomas l’obscurgeschaffen, dem er, erstmals 1941 veröffentlicht, 1950 eine stark gekürzte zweite Fassung folgen ließ, als hätte diese Verdopplung – der Name Thomas bedeutet nichts anderes als „der Zwilling“ – noch einmal die endlose Vervielfältigung der Sprache bezeugen sollen, deren Gleiten und Entzug die lose aufeinanderfolgenden Episoden des Buches inszenieren.

In einer von ihnen, im vierten Kapitel, begegnen wir Thomas bei der Lektüre in einem Hotelzimmer, „mit unüberbietbarer Genauigkeit und Aufmerksamkeit“ lesend: „Vor jedem Zeichen befand er sich in der Lage des Männchens, das von der Gottesanbeterin gleich verschlungen wird. Der eine wie das andere schauten sich an.“42 Das Gedruckte beginnt zu leben, die Worte blicken zurück, im Lesen verschmelzen Selbstbehauptung und Selbstverlust: „Von einem so gut verteidigten Text lief er bestimmt nicht weg, sondern legte seine ganze Kraft in den Willen, sich seiner zu bemächtigen, weigerte sich hartnäckig, seinen Blick abzuziehen, glaubte noch, er sei ein tiefer Leser, als bereits die Worte sich seiner bemächtigten und ihn zu lesen begannen. Er wurde von Händen fühlbar ergriffen und durchdrungen, ein Zahn versetzte ihm einen belebenden Biss; mit seinem lebenden Körper drang er in die namenlosen Formen der Wörter ein, gab ihnen seine Substanz, legte ihre Beziehungen fest, verlieh dem Wort Sein sein Sein.“43

Nicht länger eignet sich der Leser, das Gedruckte verschlingend, den Sinn an; vielmehr gewinnen die Wörter, die sich in immer weitere Wörter, in immer weitere Augen aufspalten, ein gespenstisches Eigenleben, absorbieren die Lebendigkeit und Leiblichkeit des Lesers, der sich in der von Irrealität erfüllten Sprache verliert: „In solchem Zustand fühlte er, wie er gebissen und geschlagen wurde, er konnte es nicht genau sagen, und zwar von etwas, das ihm ein Wort zu sein schien, das aber eher einer riesigen Ratte ähnelte, mit durchdringenden Augen, mit glänzenden Zähnen, ein allmächtiges Tier. Als er es einige Fingerbreit von seinem Gesicht entfernt wahrnahm, bekam er ununterdrückbare Lust, es zu verschlingen, es in den innigsten Kontakt mit sich zu bringen.“44 Der Zahn, der schon ein paar Absätze zuvor hervorschnellte – es ist der einer Ratte: einer Ratte oder des Wortes „Ratte“, das als „rat“ das Wort „litté-rat-ure“ genau in seiner Mitte spaltet und teilt. Die Lektüre – oder: Fressen und Gefressenwerden.


 

6. Bibliophagie als Akt der Selbstverteidigung und Anti-Hommage 

Das Geschriebene, zumal das der anderen, kann zum Ärgernis, ja zur Bedrohung werden. Die bibliophage Lektüre kann sich in dieser Hinsicht als ein Mittel der Selbstverteidigung erweisen. Das jüngste Beispiel dafür lieferte die US-amerikanische Autorin und Komikerin Jamie Loftus. Zwischen 2016 und 2017 verspeiste sie ein Jahr lang vor der Kamera Seiten aus David Foster Wallaces Roman Infinite Jest und stellte die – mittlerweile gelöschten, aber in Zusammenschnitten weiterhin verfügbaren – Videos ins Internet. „In den Videos“, so Andrea Long Chu, „belegt sie Sandwiches mit den Seiten, sie spült sie mit Bier herunter oder tunkt sie in Kaffee wie Biscotti. Sie mixt sie mit Spaghetti; sie kocht sie auf dem Herd. Wenn’s schnell gehen muss, würgt sie sie trocken herunter und stopft sie sich in ihren Mund wie ein Sweatshirt in einen Spind.“45 Loftus’ Abneigung galt nicht dem Buch selbst, sondern dem intellektuellen Imponiergehabe seiner männlichen Leser. Auf die unausweichliche Frage, ob sie das Buch gelesen habe, erteilte sie auf ihre Weise eine Antwort.

Einen ähnlichen Befreiungsschlag vollzog auch Dieter Roth mit seinen seit 1961 entstandenen Literaturwürsten. Bücher, Zeitungen und ganze Werkausgaben wurden vom Künstler geschreddert, eingeweicht, mit Fett, Gewürzen und Zwiebeln versetzt, in Därme gestopft und wie in einer Metzgerei aufgehängt.46 Zu den derart Verwursteten gehören Günter Grass, Alfred Andersch, Heinrich Böll, Martin Walser und Hegel, dessen Werke in zwanzig Bänden zu ebenso vielen kleinen Würsten verarbeitet wurden. Für Roth sind sie „Angefeindete. Oder Gefürchtete. Verachtete und Gehaßte. Beneidete.“47Die Verwurstung wird als eine Befreiung erlebt: „Ich habe mich plötzlich so mutig gefühlt und so stark.“48 Aber dieses Gefühl der Stärke gründet nicht in der reinen Aggression. Das Etikett, mit dem Roth jede Wurst versieht, bewahrt zugleich den Namen des Autors und den Titel des Werks – die Paratexte –, verzeichnet also, was er in Unlesbarkeit überführt hat. „Die Werke der anderen verlieren ihr Bedrohliches dadurch, dass sie zu stummen Dingen erstarren. Zwar werden ihre Werke vervielfältigt, jedoch weder präsentiert noch zitiert, sondern entsemantisiert und am Ende makuliert.“49Indem er die Werke der anderen – wie auch seine eigenen – kopiert, überschreibt, übermalt oder in Wurstskulpturen verwandelt, indem er Qualität in Quantität und Geist in toten Buchstaben verkehrt, enthüllt Roth letztlich nur den jeder sprachlichen Äußerung vorausgehenden Ungrund des Nicht-Sinns und der Abwesenheit, der Werk und Urheberschaft im selben Moment ermöglicht, in dem er sie ruiniert.

Die Masse des Gedruckten, in die Roth die als bedrohlich empfundenen Werke erst verwandeln muss, ist für Michalis Pichler schlicht ein fröhlich konstatiertes Faktum: die Voraussetzung einer neuen, über die Lektüre hinausgehenden Beziehung zu den Büchern. „Wir weigern uns, einen Text ohne Körper zu denken. Materialzärtlichkeit.“50 So beginnt sein 2020 veröffentlichtes Manifest „Bibliophagia“, das de Andrade zitiert und zugleich überschreibt: „Uns interessiert nur, was uns nicht eigen ist. Gesetz des Menschen. Gesetz der Bibliophagen.“51 Das Wort „roteiros“, das de Andrade in steter Wiederholung aneinanderfügt, ersetzt Pichler durch „Lesen“. Die Flut der Bücher lädt ein zu einem „ziellose[n] Umherschweifen im Urwald der Billigantiquariate“,52 „der Online-Antiquariate, Trödelmärkte, Papiermülltonnen und [der] Bibliothek“.53 Wo keiner mehr je alles wird lesen können, wo sich Bücher in unzähligen Exemplaren anhäufen und das Gedruckte einem gärenden Humus gleicht, eröffnen sich neue Arten des Umgangs mit ihnen, wird Philologie wieder zur -philia: „die Ur-Bibliophagen [sind] die Kinder, die ihre Bilderbücher so lieben, dass sie verbraucht werden.“54 Gerade indem sie verzehrt, verbraucht und verschleißt, rettet eine solche Bibliophagie das Verlorene: „Die Dichtung existiert in den Tatsachen. Abgegriffene Bücher farbig und grau, vergilbtes Papier, obsolete Inhalte, das sind ästhetische Tatsachen. Halbglänzende Fotografien der 80er Jahre, Paginierungen, leere Seiten. Namenslisten, Indexe, die Druckerschwärze. Das am Weg Liegengebliebene, Vernachlässigte, Besiegte, das unter dem Namen des Veralteten sich zusammenfasst.“55 Auf den Spuren von El Lissitzky und Ulises Carrión, die erkannten, dass eine Art der Lektüre darin bestehen könnte, Bücher gerade nicht zu lesen (sondern sie, wie Lissitzky rät, zu falten und zu bemalen), hat Pichler vielfältige Werkserien geschaffen, die mittels Collagen und anderer Techniken die plastischen Qualitäten des Buches, den Raum seiner Seiten und die Möglichkeiten der Falzung erkunden. In der Serie Untitled (Butterflies) löst Pichler etwa die über eine Doppelseite hinweg verlaufenden Bilder von Schmetterlingen aus ihrem Kontext, indem er den Rest der entsprechenden Seiten entfernt: Die Seiten, auf der die Schmetterlinge gedruckt sind, bleiben also weiterhin ein Teil der Bindung, aber die Tiere wirken wie Pop-Ups. In der Serie Untitled (Chamaeleons) wird das Prinzip umgekehrt: Nun finden sich alle Bilder von Chamäleons ausgeschnitten und erlauben Durchblicke auf die folgenden oder vorangehenden Seiten.56 Wenn Bibliophagie zum einen diese plastischen Interventionen umfasst, so bezeichnet sie für Pichler zum anderen eine Haltung, die ästhetische Aneignung nicht mit der Ehrerbietung gegenüber einem historischen Meister verwechselt. Sie ist keine Hommage57 noch das Symptom einer anxiety of influence (Harold Bloom), vielmehr eine chaotische Verdauung und Rekreation unterschiedlicher Quellen: eine schmutzige Aneignung.


 

7. Emilias Vorschlag

Der Zufall will es, das Anthropo- und Bibliophagie im Werk eines Autors berühren, der heute in Brasilien am berühmtesten für seine Kinderbücher ist: Monteiro Lobato ist der Schöpfer der Sítio do Picapau Amarelo (der Gelbspechtfarm), eines phantastischen Ortes, an dem eine Schar von Kindern zahlreiche (23 Bände füllende) Abenteuer erlebt. Für Kinder verfasste er auch eine 1927 erschienene Adaption von Hans Stadens Wahrhaftiger Historia.58 1922 polemisierte er gegen die Kunst der Semana da Arte Moderna, an der unter anderen Oswald de Andrade und Tarsila do Amaral teilnahmen. Trotz seiner Abneigung gegen die Moderne präsentierte Lobato in seinem utopischen Roman AReforma da natureza (1939; Reform der Natur) eine Idee, die vielleicht auch de Andrade gefallen hätte.59 Die üblichen Protagonisten seiner Kinderbücher werden von europäischen Staatschefs zu einer Friedenskonferenz in einer utopischen Nachkriegszeit eingeladen. Zu den Mitgliedern der brasilianischen Delegation gehört auch die sprechende Puppe Emilia, die im Kapitel „O livro comestível“ (Das essbare Buch) den folgenden Vorschlag unterbreitet: Anstatt Bücher auf einem Material zu drucken, das nur den Würmern mundet, solle man sie lieber aus Weizen und einer magenverträglichen Tinte machen. Seite für Seite könne der Leser so sein Buch konsumieren und habe am Ende der Lektüre ein sättigendes Mahl eingenommen. Darüber hinaus, so bemerkt ihre Gesprächspartnerin Ra, könne man jeder Seite einen eigenen Geschmack verleihen („As primeiras páginas terão gosto de sopa; as seguintes terão gosto de salada, de assado, de arroz, de tutu de feijão com torresmos. As últimas serão as da sobremesa“). Derart wird das Buch, diese Nahrung des Geistes („pão do espírito“), auch zu einer des Leibes. Wenn Hegel zufolge die ideale Lektüre darin bestünde, dass „das geschriebene Wort aufgelesen [würde], durch das Verstehen als Ding verschwände“,60 so erweist sich die Puppe Emilia als seine perfekte Nachfolgerin: „O livro existe para ser lido, não é? Mas depois que o lemos e ficamos com toda a história na cabeça, o livro se torna uma inutilidade na casa. Ora, tornando-se comestível, diminuímos uma inutilidade.“ „Das Buch existiert, um gelesen zu werden, nicht wahr? Hat man es jedoch einmal gelesen und trägt die ganze Geschichte im Kopf, wird das Buch zu Hause lästig. Sobald es aber essbar wird, stört uns ein Staubfänger weniger.“ Und wenn man ein Buch doch wiederlesen wolle, so könne man einfach ein neues erwerben, so wie man jeden Tag ein Brot kauft.61

MAXIMILIAN GILLESSEN

 

1 Oswald de Andrade: Manifeste, übersetzt von Oliver Precht, Berlin: Turia und Kant, 2016.

2 Michalis Pichler: „Bibliophagia“, in: Friedrich W. Block, Lutz Ellrich, Nils Jablonski (Hg.): Komik der Lüste, Bielfeld: Aisthesis 2023 (im Erscheinen). Eine englischsprachige Fassung ist erschienen in der Zeitschrift Counter-Signals 4 (2021), S. 184 f. sowie in Michalis Pichler (Hg.): IDEA POLL. MISS READ, Berlin: o. V., 2021, S. 97–100.

3 Siehe zu diesem Begriff: Michael Theunissen: Der Andere. Studien zur Sozialontologie der Gegenwart, Berlin: de Gruyter, 1965.

4 Onésyme Durocher: „De la bibliophagie“, in: Miscellanies of the Philobiblion Society 10 (1866), S. 1–16. 

5 Heinrich von Kleist: „Der Findling“, in: Sämtliche Werke. Brandenburger Ausgabe, Bd. II/5, Basel, Frankfurt a. M.: Stroemfeld / Roter Stern, 1997, S. 55.

6 Ebd.

7 Für eine ausführlichere Analyse vgl. Hans-Walter Schmidt-Hannissa: „‚Jetzt eß ich das Buch‘. Szenarien der Einverleibung von Schrift“, in: KulturPoetik 2.3 (2003), S. 226–245, hier S. 238 ff.

8 Christine Ott: Feinschmecker und Bücherfresser. Esskultur und literarische Einverleibung als Mythen der Moderne, München: Fink, 2011, S. 16.

9 Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter, 6. Auflage, München, Bern: Francke, 1967, S. 144 ff. 

10 Christine Ott: Feinschmecker und Bücherfresser, a.a.O. (Anm. 8), S. 53.

11 Gérard Haddad: Manger le livre. Rites alimentaires et fonction paternelle, Paris: Grasset, 1984.

12 Franz Dornseiff: Das Alphabet in Mystik und Magie (1925), 2. Aufl., Wiesbaden: Fourier, 1979, S. 17.

13 Horst Wenzel: „Die fließende Rede und der gefrorene Text“, in: Gerhard Neumann (Hg.): Poststrukturalismus. Herausforderungen an die Literaturwissenschaft, Stuttgart, Weimar: Metzler, 1997, S. 481–503, hier S. 486 f.

14 Quintilian: Institutio oratoria, X. Buch, 1, 19.

15 Augustinus von Hippo: Confessiones, X. Buch, München: dtv, 1986, S. 262 f.

16 Friedrich Nietzsche: Die fröhliche Wissenschaft, in: Kritische Studienausgabe, Bd. 3, München: dtv, 1999, S. 365.

17 Ders.: Jenseits von Gut und Böse, in: Kritische Studienausgabe, Bd. 5, München: dtv, 1999, S. 168.

18 Michael Oppitz: „Die Geschichte der verlorenen Schrift. Frobenius-Vorlesung 2005“, in: Paideuma. Mitteilungen zur Kulturkunde 52 (2006), S. 27–50, hier S. 27.

19 Zitiert nach ebd., S. 29.

20 Francesco Petrarca: „De librorum copia“, in: Heilmittel gegen Glück und Unglück / De remediis utriusque fortunae, übersetzt von Rudolf Schottlaender, hg. von Eckhard Keßler, München: Fink, 1988, S. 103.

21 Walter Benjamin: „Kleine Kunst-Stücke“, in: Gesammelte Werke, Bd. IV.1, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1972, S. 435–438, hier S. 436. Weiter heißt es: „Das ist nicht Einfühlung. Der Leser versetzt sich nicht an die Stelle des Helden, sondern er verleibt sich ein, was dem zustößt. Der anschauliche Bericht davon aber ist die appetitliche Ausstaffierung, in der ein nahrhaftes Gericht auf den Tisch kommt. Nun gibt es zwar eine Rohkost der Erfahrung – genau wie es eine Rohkost des Magens gibt – nämlich Erfahrungen am eigenen Leibe. Aber die Kunst des Romans wie die Kochkunst beginnt erst jenseits des Rohprodukts. […] Kurz, wenn es eine Muse des Romans gibt – die zehnte – so trägt sie die Embleme der Küchenfee.“

 

22 Thomas Bernhard: Verstörung, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1972, S. 155.

23 Umberto Eco: Der Name der Rose, übersetzt von Burkhart Kroeber, München: Hanser, 1982.

24 François Forestier: La Manducation, Paris: Ramsay, 1981.

25 Ebd., S. 28.

26 Michel de Montaigne: „Des Cannibales“, in: Les Essais, hg. von Jean Balsamo u. a., Paris: Gallimard, 2007, S. 208–221.

27 Ders.: „De la vanité“, in: Les Essais, S. 989–1047, hier S. 989.

28 Ders: „Von der Eitelkeit“, in: Essais, übersetzt von Johann Daniel Tietz, Bd. 3, Zürich: Diogenes, 1992, S. 95–211, hier S. 95

29 Christine Ott: Feinschmecker und Bücherfresser, a.a.O. (Anm. 8), S. 53.

30 François Rabelais: Œuvres complètes, hg. von Mireille Huchon, Paris: Gallimard, 1994, S. 7.

31 Erich Auerbach: Mimesis. Dargestellte Wirklichkeit in der abendländischen Literatur, 9. Auflage, Tübingen, Basel: Francke, 1994, S. 256 f.

32 François Rabelais: Œuvres complètes, a.a.O. (Anm. 29), S. 833.

33 Ebd., S. 835.

34 Zitiert nach Michel Jeanneret: Des mets et des mots. Banquets et propos de table à la Renaissance, Paris: Corti, 1987, S. 202.

35 Vgl. ebd., S. 206.

36 Johann Fischart: Geschichtklitterung. Text der Ausgabe letzter Hand von 1590, hg. von Ute Nyssen, Düsseldorf: Karl Rauch, 1963, S. 217.

37 Vgl. Haroldo de Campos: „Da transcriação. Poética e semiótica da operação tradutora“, in: Marcelo Tápia, Thelma Médici Nóbrega (Hg.): Haroldo de Campos. Transcriação, São Paulo: Perspectiva, 1985, S. 77–104.

38 Johann Fischart: Geschichtsklitterung, a.a.O. (Anm. 35), S. 29.

39 Potulentus [trinkbar], potiri [sich bemächtigen], potio [der Trank], potare [sich voll trinken], potitare [saufen], potesse [können], petere [nach etw. verlangen], poeta [Dichter].

40 Aus der Definition der „Paranomasie“ nach Heinrich Lausberg: Handbuch der literarischen Rhetorik. Eine Grundlegung der Literaturwissenschaft, Stuttgart: Metzler, 2008, S. 332 [§ 637].

41 Jean Paul: Levana oder Erzieherlehre, in: Werke, hg. von Norbert Miller, Bd. I/5, Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, 1996, S. 721.

42 Maurice Blanchot: Thomas der Dunkle, übersetzt von Jürg Laederach, Basel, Weil am Rhein: Urs Engeler, 2007, S. 21. Zu diesem vermutlich von einer Lektüre Jean-Henri Fabres inspirierten Vergleich siehe die minutiöse Analyse von Thomas Schestag: Mantisrelikte, Basel, Weil am Rhein, Urs Engeler, 1998, S. 69–116.

43 Maurice Blanchot: Thomas der Dunkle, a.a.O. (Anm. 41), S. 22.

44 Ebd., S. 25.

45 Andrea Long Chu: Females. Alle sind weiblich, übersetzt von Lea Sauer, Leipzig: Merve, 2021, S. 48.

46 Die Wurstrezepte finden sich in Dieter Roth: Gesammelte Werke, Bd. 16, Stuttgart: Hansjörg Mayer, 1975, S. 262.

47 Irmelin Lebeer-Hossmann: „Interview mit Dieter Roth, 1976 und 1979“, in: Barbara Wien (Hg.): Dieter Roth. Gesammelte Interviews, London: Hansjörg Mayer, 2002, S. 9–142, hier S. 43.

48 Ebd.

49 Stefan Ripplinger: „Sui dissimile. Dieter Roths Poetik der Expropriation“, in: Annette Gilbert (Hg.): Wiederaufgelegt. Zur Appropriation von Texten und Büchern in Büchern, Bielefeld: transcript, 2012, S. 155–162, hier S. 157 f.

50 Michalis Pichler „Bibliophagia“, a.a.O. (Anm. 2).

51 Ebd.

52 Ebd.

53 Ebd.

54 Ebd.

55 Ebd.

56 Siehe die Abbildungen in Annette Gilbert, Clemens Krümmel (Hg.): Michalis Pichler, New York: Printed Matter und Leipzig: Spector Books, 2015, S. 200–203.

57 Vgl. auch die entsprechenden Ausführungen („Bibliophagia, not Hommage“) in Michalis Pichler: „Books and Ideas after Stéphane Mallarmé“ (im Erscheinen).

58 Monteiro Lobato: Aventuras de Hans Staden. O homem que naufragou nas costas do Brasil em 1549 e esteve oito mezes prisoneiro dos indios tupinambás, 1927.

59 Ders.: A Reforma da natureza, 1939.

60 Georg Friedrich Hegel: „Der Geist des Christentums“, in: Werke in zwanzig Bänden, Bd. 1: Frühe Schriften, Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1986, S. 317–418, hier S. 367.

61 Mein Dank gilt Michalis Pichler und Stefan Ripplinger für zahlreiche Anregungen. 

Maximilian Gillesen, "Bibliophage Lektüren," (2023).